Allianz Lecture: Europäische Identitäten und Mythen

Von: Allianz SE München  18.05.2006
Keywords: Versicherungen

Der etwas rätselhafte Untertitel der dritten Allianz Lecture, 'Ästhetische Codes und vitaler Stress', bekam am vergangenen Sonntag im Münchner Residenz Theater eine ganz neue Bedeutung, wie Moderator Thomas Steinfeld treffend bemerkte: Da Rem Kohlhaas' Präsentation erst mit Verspätung projiziert werden konnte, musste er seinem Gesprächspartner, dem Philosophen Peter Sloterdijk, den Vortritt lassen und anschließend improvisieren. Sloterdijk wählte für seine Ausführungen über europäische Identitäten einen psycho-politischen Ansatz. Er bezeichnete Europa als 'semi-depressives Großkonstrukt', in das viele Europäer wie in einen zu großen Mantel (noch) nicht hineingewachsen seien. Der Kontinent befinde sich in einer 'Entlastungsdepression', ähnlich dem Nichtstun in der ersten Urlaubswoche – die allerdings seit den 1970er oder 80er Jahren andauere. Später verwies Rem Koolhaas darauf, dass es mehr als ein Europa gebe: Das 'neue Europa' der EU-Beitrittsländer sei nicht im Urlaub, die Menschen dort arbeiteten hart und seien voller Energie. Sloterdijk: Menschen brauchten Mythen Es sei Zeit, so fuhr Sloterdijk fort, sich auf den ersten großen europäischen Mythos zu besinnen: Die Aeneis von Vergil, in der Aeneas aus dem zerstörten Troja flüchtet und schließlich Stammvater der Römer wird. Sloterdijk sieht Aeneas als den ersten Europäer, der als Verlierer aus dem Osten in den Westen kommt, aber eine entscheidende zweite Chance erhält. Inzwischen sei dieser Mythos in die USA gewandert, Europa müsse ihn sich aber wieder aneignen: 'Ohne den Mythos der zweiten Chance lässt sich Europa nicht regenerieren', sagte er. Auf die Frage, warum Mythen und Erzählungen so wichtig seien, sagte Sloterdijk: 'Man braucht eine inspirierende Erzählung, weil die Menschen immer etwas brauchen, um dem Defätismus zu widerstehen.' Koolhaas: Wir können die Welt nicht mehr retten Der niederländische Architekt und Stadtplaner Rem Koolhaas hielt das Epische ebenfalls für wesentlich: 'Die EU ist extrem erfolgreich, aber nicht imstande, eine Erzählung ihres eigenen Erfolges zu schaffen.' Er erinnerte daran, dass Europa und Asien geografisch einen gemeinsamen Kontinent bildeten und beobachtete im Osten 'fieberhafte Aktivitäten': 'Wir können die Welt nicht mehr retten, nur die Chinesen und Inder sind dazu noch imstande. Das ist völlig klar.'

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