Studie zu Nano-Produkten - Billigbrause schlägt 'Bayern'-Pillen

Von: Spiegel-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG Hamburg  04.08.2006

Hamburg, 3. August 2006 - Die umstrittenen Nanomineralien-Produkte der Firma Neosino AG geraten erneut ins Zwielicht. Zwei von SPIEGEL ONLINE in Auftrag gegebene Studien haben ergeben, dass die teuren Nahrungsergänzungsmittel nicht besser wirken als billige Brausetabletten. Kalzium, Magnesium und Silizium sollen vom Körper 'effektiver aufgenommen und verwertet' werden und 'um ein Vielfaches wirkungsvoller' sein, verspricht die Neosino AG in der Werbung für ihre Nahrungsergänzungsmittel. Die drei Mineralien liegen nach Angaben der Firma in Form winziger Partikel von drei bis zehn Nanometern Größe in den Produkten vor – und sollen deshalb besser wirken als herkömmliche Mittel wie etwa Brausetabletten. Experten der Creighton University in Omaha (US-Bundesstaat Nebraska) haben Neosinos 'Nanosilimagna-Kapseln' im Auftrag von SPIEGEL ONLINE mit gewöhnlichen Kalzium- und Magnesium-Brausetabletten aus einem deutschen Supermarkt verglichen. Zwölf Freiwillige wurden im Rahmen der klinischen Studie eine Woche lang per Urinanalyse beobachtet. Studienleiter Robert Heaney, der als weltweit führender Experte für Mineralien im menschlichen Körper gilt, erteilt den Nano-Produkten schlechte Noten: 'Die Daten dieser Studie ergeben keinen Hinweis auf eine größere oder schnelle Kalzium-Absorption durch Nanosilimagna', schreibt Heaney in der Zusammenfassung seiner Studie. Bei der Magnesium-Absorption waren die kostspieligen Kapseln (49,95 Euro für 45 Gramm) Billigpillen aus dem Supermarkt (65 Cent für 80 bzw. 90 Gramm) sogar 'eindeutig unterlegen'. Den Messungen zufolge haben die Kapseln praktisch überhaupt kein Magnesium in den Kreislauf der Probanden geschleust: 'Zu keinem Zeitpunkt hat sich die Ausscheidung von Magnesium nennenswert von null unterschieden', erklärt Heaney. Der US-Forscher sieht seine Ergebnisse durch eine Pilotstudie gestützt, die einige Wochen zuvor durchgeführt wurde. Das Nürnberger Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) hatte Neosinos 'Nanosilimagna Kapseln' und 'Sport Nano Liquid' gegen Brausetabletten aus dem Supermarkt und aus der Apotheke sowie gegen ein wirkstofffreies Placebo antreten lassen. Schon hier zeigte sich: Nach der Einnahme der Nanosilimagna-Kapseln befand sich kaum mehr Kalzium und Magnesium im Urin der Probanden als nach der Einnahme des Placebos. Die 'Sport Nano Liquid'-Ampullen ('Kleine Kraftpakete für große Leistung') konnten die Werte der beiden Mineralien zwar geringfügig steigern, blieben aber ebenfalls deutlich hinter den Supermarkt-Tabletten zurück. Die beiden Neosino-Produkte seien 'in keinerlei Hinsicht marktfähig' und würden 'außer Wirkungslosigkeit nichts bieten', so Sörgel zu SPIEGEL ONLINE. Die Neosino AG, der beide Studien vorliegen, reagierte zunächst nur auf Sörgels Pilotstudie. Das Unternehmen zog vor allem die statistischen Methoden und der Verfahren der Urinanalyse in Zweifel. Eine umfangreiche Stellungnahme kündigte die Neosino AG bis zum Ende der Woche an. Zudem werde die Wirksamkeit der Nano-Produkte derzeit im Rahmen einer Studie am Institut für Sporternährung in Bad Nauheim geprüft. Auf welchen Daten aber die bisherigen Behauptungen über die Wirkung der Neosino-Produkte basieren, ließ das Unternehmen bislang offen. Dem Lebensmittelgesetz zufolge ist es strafbar, Lebensmittel mit falschen Angaben über ihre Wirkung zu verkaufen. Die Neosino AG zählt den ehemaligen Deutschen Sportbund, den FC Bayern München und den Sportarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zu ihren Partnern weshalb die Nano-Produkte von Medien auch als 'Bayern-Pillen' bezeichnet wurden. Erste Zweifel an den Nano-Mitteln waren bereits Ende März aufgekommen, als Forscher des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung keine Nanopartikel in Neosino-Produkten gefunden hatten. Von Neosino in Auftrag gegebene Gegengutachten kamen zu anderen Ergebnissen. Die einstweilige Verfügung, die Neosino gegen den NDR erwirkt hatte, wurde vom Landgericht Hamburg inzwischen aber wieder aufgehoben.


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